Fröhliche Weihnachten im August?
Es weihnachtet! Klar doch, werden Sie denken, liebe Leserin, lieber Leser. Es ist schließlich November, und damit höchste Zeit, sich um Geschenke, Weihnachtsbaum, vorzugsweise künstlich, und die weihnachtliche Menüfolge zu kümmern. Tatsächlich weihnachtet es aber schon seit Anfang September. Zumindest in den Supermärkten und den Süßwarenabteilungen der Kaufhäuser.
Den mallorquinischen Sand noch in den Schuhen, den Geschmack der Paella noch auf der Zunge, und die Bilder des Sommers noch vor Augen, sehen sich die Urlaubsheimkehrer beim Einkauf im Geschäft um die Ecke alle Jahre wieder übergangslos mit dem Weihnachtswunderland konfrontiert. Und das liegt beileibe nicht an der gefühlten Außentemperatur. Die pendelt dann immer noch im zweistelligen Bereich. Nein, gleich hinter der Gemüseabteilung, wo drei Wochen zuvor spanischer Rotwein, italienischer Parmesankäse und griechische Moussaka die Sehnsucht nach Sonne, Strand und Meer weckten, fällt nun der Blick ohne Vorwarnung auf Spekulatius, Kräuter-Printen, Lebkuchenherzen, Marzipanbrote, Christstollen. Mit jedem Jahr schleicht sich der Beginn der kommerziellen Seite des Weihnachtsfestes weiter in den Sommer, und wir, die Käuferinnen und Käufer, schleichen mit.
Wer kann diesem verlockenden Angebot schon widerstehen? Denn Vorfreude ist die schönste Freude. Aber worauf freuen wir uns im Spätsommer bei Baumkuchenspitzen und Pfefferkuchen? Ist es wirklich die Vorfreude auf das Fest, das die Geburt Jesu feiert, wenn bei 25 Grad im Schatten die Dominosteine auf der sonntäglichen Kaffeetafel schmelzen? Ist es wirklich eben diese Vorfreude, zu sehen wie der gute alte rot-gewandete Weihnachtsmann mit Nikola, der Weihnachtsfrau, dem lila Weihnachts-Teddy und dem mit bunten Schokodragees gefüllten Plastikschneemann um die Wette lacht und schwitzt? Doch lacht er wirklich? Oder verbirgt er hinter seinem weißen Bart die Traurigkeit darüber, dass wir Menschen uns von cleveren Werbestrategen die echte Vorfreude auf das Weihnachtsfest nehmen lassen? Dass wir bereits im November der süßen Sachen überdrüssig sind!
Wäre es nicht viel schöner, wenn wir das erste Weihnachtsgebäck am Ersten Adventssonntag äßen? Wenn Apfel, Nuss und Mandelkern erstmals aus dem dazugehörigen Nikolausstiefel genascht würden? Sicher, die Zeit lässt sich nicht mehr zurück drehen. Das wollen wir auch gar nicht. Aber es liegt an uns, an jedem Einzelnen, ob wir es auch in Zukunft zulassen, dass wir durch Kommerz und klingelnde Kassen den Sinn des Weihnachtsfestes völlig aus den Augen verlieren. Wir entscheiden mit unserem (Konsum)-Verhalten, ob es bei uns schon demnächst heißt: „Fröhliche Weihnachten im August“.
Christiane Keitel
Die Evangelische Kirche Deutschland führt im Dezember die Aktion „Advent ist im Dezember“ durch
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